Blick zurück und Blick nach vorn

„Wer sich nicht selbst verändert,
wird von außen verändert!“
(Professor Dr. Manfred Eibelshäuser)

Welche Faktoren werden zukünftig die Finanzkontrolle bestimmen?

Bereits seit 200 Jahren gibt es die Finanzkontrolle in Darmstadt, seit mittlerweile 75 Jahren den Hessischer Rechnungshof. Der Rechnungshof hat sich, ebenso wie jede andere Behörde, im Laufe dieser Zeit stetig verändert und weiterentwickelt – Gesetze wurden erneuert, Rahmbedingungen wurden angepasst und Ansprüche sowohl der Politik, der Öffentlichkeit und der Bürgerinnen und Bürger als auch der Beschäftigten haben sich gewandelt.

Veränderungen können dabei durch externe oder interne Faktoren ausgelöst werden. Diese Faktoren sind essentielle Treiber hin zu einer modernen Finanzkontrolle. Zu den externen Faktoren gehören

  • technischer Fortschritt und Digitalisierung,
  • steigende Komplexität,
  • Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit,
  • New Public Management und Doppik,
  • Datenschutz und rechtliche Vorgaben sowie
  • Open Government und Transparenz.

Viele äußere Einflüsse haben beim Rechnungshof zu (evolutionären) internen Anpassungen geführt. Nach der Finanzkrise wurde die Beratung der Kommunen eingerichtet; um die Transparenz zu erhöhen wurde die Prüfung des Gesamtabschlusses beschleunigt (sog. Fast-Close) und alle Prüfungskonzepte beinhalten mittlerweile aktualisierte Passagen zu den Datenschutzanforderungen.

Auslöser und Evolutionäre Anpassung im HRH

Neben diesen mittelbaren Zusammenhängen gibt es auch ganz unmittelbare: So hat der große Zustrom an Geflüchteten in den Jahren 2015 und 2016 den Rechnungshof dazu veranlasst, den Sondersenat „Flüchtlingswesen“ zu gründen. In ihm wurden die Prüfungen zu diesem Themenkomplex gebündelt und mithilfe interdisziplinärer Teams bearbeitet.

Neben den externen gibt es auch interne Faktoren, die zur Veränderung des Rechnungshofs beitragen und Arbeitsprozesse modifizieren. Dazu gehören

  • die Ziele und Werte,
  • die Aufgaben,
  • das Personal,
  • die Methodik und Prozesse sowie
  • die externe und interne Kommunikation.

So finden Prüfungen mittlerweile nicht mehr ausschließlich ex post statt, sondern sind verstärkt auch zukunftsorientiert und proaktiv. Auch das Profil unserer Prüferinnen und Prüfer hat sich verändert: Es bedarf analytisch ganzheitlich denkender Beschäftigter, die sich als Impulsgeber für Veränderungen verstehen.

Mit die größten Veränderungen in einer sehr kurzen Zeitspanne hat die Corona-Pandemie hervorgerufen. Die Beschäftigten des Rechnungshofs mussten kurzfristig fast gänzlich ins Home-Office ausweichen. Dies hat alle Beteiligten vor große Herausforderungen gestellt – angefangen mit der Zeiterfassung bis zur benötigten (digitalen) Unterschrift. Viele Lösungen mussten ad hoc gefunden werden.

Bereits zu Beginn der Pandemie haben wir gesagt: „Dies ist nicht die Stunde der Finanzkontrolle!“ Selbstverständlich wird der Hessische Rechnungshof die wirtschaftliche Verwendung der Corona-Mittel sehr genau prüfen. Dies ist wichtig, um das Vertrauen in den Staat und seine Finanzen aufrechtzuerhalten. Wir wollten aber vor allem zu Beginn nicht in die Krise „hineinprüfen“ und etwa Krisenstäbe oder Gesundheitsämter damit zusätzlich „belasten“. Stattdessen haben wir aktiv das Land unterstützt: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich beim Corona-Telefon und bei der Kontaktnachverfolgung der Gesundheitsämter engagiert sowie die Task-Force zur Beschaffung von Ausrüstung wie Masken etc. unterstützt.

Trotz dieses Grundsatzes konnte selbstverständlich das Prüfgeschäft im Verlauf der Pandemie nicht gänzlich unterbleiben. Hierzu mussten jedoch neue Wege getestet und etabliert werden. Statt der Besprechung vor Ort mussten Videokonferenzen geschaltet, Akten eingescannt und Online-Umfragetools eingerichtet werden. Wir haben gelernt, was digital alles möglich ist und auch, welche Vor- und Nachteile damit einhergehen. Beispielsweise entfallen Fahrwege und -zeiten; Familie und Beruf lassen sich deutlich besser vereinbaren. Demgegenüber ist aber der soziale Kontakt zu den Arbeitskollegen eingeschränkt, manche Arbeitsabläufe dauern länger und die technische Ausstattung ist eventuell nicht so gut und umfangreich wie im Büro.

Die Arbeit im Home-Office ist mit Vertrauen verbunden – sowohl auf Seiten der Führungsebene als auch auf Seiten der Beschäftigten. Durch die „aufgezwungene“ Heimarbeit haben wir festgestellt, dass der Dienstbetrieb auch ohne die dauerhafte Präsenz der Beschäftigten qualitativ hochwertig sichergestellt werden kann. Eine Umfrage hat ergeben, dass fast alle unserer Beschäftigten das Home-Office zumindest anteilig gerne weiterführen möchten. Hieran lässt sich erkennen, dass die Pandemie-Situation vor allem auch zu veränderten Einstellungen der Beschäftigten geführt hat – und das auf allen Ebenen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich durch die pandemiebedingte Ausnahmesituation externe und interne Faktoren gegenseitig verstärkt haben, wodurch sich eine starke Sog-Wirkung entwickelt hat. Der enorme Digitalisierungs-Schub, der durch die äußeren Umstände unumgänglich war, hat zu veränderten Arbeitsabläufen und Einstellungen der Beschäftigten geführt. Diese Veränderungen können und werden sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Unsere Arbeitswelt und -weise werden sich immer weiter verändern. Perspektivisch wird es darum gehen, die Vorteile aus der digitalen und analogen Welt miteinander zu vereinen. Solche hybriden Arbeitsmodelle, bei denen die Beschäftigten teils mobil und teils bürobasiert arbeiten, werden die zukünftige Arbeitswelt immer mehr bestimmen – auch im öffentlichen Dienst.

Ich bin mir sicher, dass der Hessische Rechnungshof nicht erst in 75 Jahren ganz anders aussehen wird als heute. Die Veränderungsgeschwindigkeit nimmt ständig zu. Diese Herausforderung lässt sich sehr gut mit einem Zitat meines Vorgängers, Herrn Professor Dr. Eibelshäuser, zusammenfassen: „Wer sich nicht selbst verändert, wird von außen verändert!