Neubeginn 1946

Was zuvor geschah

Bei der Reichstagswahl vom 05.03.1933 errang die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) gemeinsam mit der Deutschnationalen Volkspartei die absolute Mehrheit und konnte so gemeinsam eine vom Reichstag getragene Regierung bilden. Sie war die letzte Reichs- und Landtagswahl, an der mehr als eine Partei teilnahm. Dies stellte einen der entscheidenden Schritte der Machtübernahme dar, die durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Hindenburg und gewaltsame Übergriffe und Behinderungen von SA und SS gegen die politische Opposition vorangeschritten war. Die Hitler-Diktatur sollte in der weiteren Folge unvergleichliches Leid und Elend über die Welt bringen.

Am 30.01.1934 hatte der Reichstag das „Gesetz über den Neuaufbau des Reiches“ beschlossen. Dieses Gesetz bezweckte eine Änderung der Weimarer Verfassung, bei der die Souveränität der Länder des Deutschen Reiches aufgehoben und sie direkt der Reichsregierung unterstellt wurden. Diese sogenannte Gleichschaltung vollzog den Wechsel von einem Bundesstaat zu einem Zentralstaat, in dessen Folge die Länderparlamente aufgelöst wurden.

Der Volksstaat Hessen mit seiner Hauptstadt Darmstadt blieb, wie auch die anderen Länder, als Verwaltungsbezirk bestehen. Ihre Regierungen wurden einem von der Reichsregierung bestimmten Reichsstatthalter (Gauleiter) unterstellt und waren damit ausführende Organe des Zentralstaates. Die bisherigen Ministerien des Volksstaates Hessen in Darmstadt wurden nach dem „Führerprinzip“ zu einzelnen Abteilungen in einem vom Reichsstatthalter geleiteten Staatsministerium.

Das oben genannte Reichs-Neuaufbaugesetz hatte in seiner Folge Auswirkungen für die Finanzkontrolle. Die in Darmstadt am Sitz der Landesregierung ansässige Hessische Oberrechnungskammer wurde 1937 aufgelöst. Ihre Zuständigkeit für den Volksstaat Hessen ging an den Rechnungshof des Deutschen Reiches in Berlin, der sie seiner Außenstelle in Karlsruhe übertrug. Während des Krieges wurde auch eine Außenstelle im französischen Metz gegründet. Später kam diese infolge des militärischen Rückzuges kurzzeitig nach Darmstadt-Arheilgen. Für die Prüfungen der gemeindlichen Rechnungen bestand weiterhin die Hessische Gemeinderechnungskammer, die jedoch während des Krieges stillgelegt wurde.

Kapitulation des „Dritten Reiches“

Nach der bedingungslosen Kapitulation am 08.05.1945 befanden sich wesentliche Teile Hessens in der amerikanischen Zone. Nicht dazu gehörten aus dem Volksstaat Hessen die Provinz Rheinhessen, der spätere Regierungsbezirk Montabaur und die hessische Exklave Bad Wimpfen. Dieses so reduzierte hessische Gebiet im amerikanischen Sektor wurde durch eine Entscheidung des Oberbefehlshabers der amerikanischen Streitkräfte in Europa am 19.09.1945 zu Groß-Hessen, einen Monat später Wiesbaden als Landeshauptstadt, erklärt. Für den Wechsel von Darmstadt nach Wiesbaden als zukünftigen Regierungssitz sprach unter anderem, dass diese Stadt vergleichsweise unversehrt geblieben war. Mit der Annahme der Verfassung des Landes Hessen durch die Volksabstimmung am 01.12.1946 wurde aus dem zuvor gebildeten „Staat Groß-Hessen“ das „Land Hessen“.

Die amerikanische Militärregierung (Office of Military Government for Germany) hatte unter anderem die Aufgabe der Entnazifizierung. Gemeint war damit die Neueinsetzung durch den Nationalsozialismus unbelasteter Deutscher in sämtliche Position des öffentlichen Lebens. Die Amerikaner hatten zur Vereinheitlichung der Entnazifizierung eine allgemein verbindliche Direktive, der zufolge alle Parteigenossen (Mitglieder der NSDAP) zu entlassen waren, soweit sie vor dem 01.05.1937 Mitglieder geworden waren. Unabhängig von der Mitgliedschaft in einer NS-Organisation verloren auch alle Spitzenbeamten bis herab zur Referentenebene ihre Posten. Eine Weiterbeschäftigung bzw. Neueinstellung war für alle deutschen Erwachsenen an die Auswertung eines 131 Fragen umfassenden Fragenkataloges gebunden. Dieser sollte Aufschluss über die Mitgliedschaft in der NSDAP oder NS-Organisationen geben. Im Mai 1946 übernahmen die ersten deutschen Laiengerichte (unter amerikanischer Militäraufsicht) diese Tätigkeit. Bei einer Zugehörigkeit zu einer entsprechenden Organisation musste man sich vor einer Spruchkammer rechtfertigen und gegebenenfalls Sühnemaßnahmen akzeptieren. Die Spruchkammern teilten die NSDAP-Mitglieder in fünf Hauptgruppen ein:

  • Hauptschuldige (Kriegsverbrecher),
  • Belastete (Aktivisten, Militaristen und Nutznießer),
  • Minderbelastete (Bewährungsgruppe),
  • Mitläufer und
  • Entlastete, die vom Gesetz nicht betroffen waren.

Neuorganisation der Finanzkontrolle im Lande Hessen

Die Neuorganisation der Finanzkontrolle im Land Hessen stand unter dem Eindruck der Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Diktatur. Als zentrales Bindeglied zwischen Parlament und Regierung sollte ihr als unabhängige Institution eine bedeutende Rolle innerhalb der sich gründenden Demokratie zukommen. Deshalb war es wichtig, wie in allen öffentlichen Bereichen der neuen Demokratie, eine gute Führungsstruktur aufzubauen. Sie sollte einerseits fachlich kompetent und andererseits in ihrem Demokratieverständnis möglichst ohne jeden Zweifel sein. Das führte zu einem Dilemma, dass der designierte Präsident des Rechnungshofs mit dem Finanzminister Dr. Mattes – der am 14.10.1945 von der amerikanischen Militärregierung eingesetzt worden war – am 08.04.1946 (siehe entsprechend der Chronologie weiter unten) erörterte.

Bereits im März 1946 gab es einen Entwurf zu einem Staatsministerialbeschluss zur Bildung einer „Großhessischen Rechnungskammer“. Vorgesehen war eine gegenüber der Staatregierung unabhängige und nur dem Gesetz unterworfene oberste Staatsbehörde, bestehend aus dem Präsidenten und sechs weiteren Prüfungsgebietsleitern (= Kammer) sowie Prüfungsbeamten in der erforderlichen Zahl. Der Finanzminister wurde beauftragt, Vorschläge für die Besetzung der leitenden Stellen zu machen. In einer Anlage zu diesem Beschluss wurde die Aufgabe der unabhängigen Finanzkontrolle auf Basis des Teils V der Reichshaushaltsordnung von 1922 (Weimarer Republik) näher skizziert. Bereits damals war der Rechnungshof gegenüber der Reichsregierung unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen. Aufgabe war unter anderem, dem Parlament jährlich seine Bemerkungen über die Ergebnisse seiner Prüfung für die Entlastung der Regierung vorzulegen.

In den historischen Unterlagen findet sich ein Aktenvermerk über ein Gespräch vom 18.03.1946 zwischen Finanzminister Dr. Wilhelm Mattes und dem späteren Präsidenten des Hessischen Rechnungshofs Dr. Wilhelm Boll. Zu diesem Zeitpunkt war Herr Dr. Boll Leiter der Abteilung Finanzen bei der Deutschen Regierung des Landes Hessen (später Regierungspräsidium Darmstadt). Darin bat Finanzminister Dr. Mattes Herrn Dr. Boll um eine Ausarbeitung über den geplanten Aufbau des Rechnungsprüfungswesens mit Rechnungshof und Rechnungsprüfungsämtern. Im Verlauf dieses Gesprächs setzte sich Herr Dr. Boll für Darmstadt als Sitz des Rechnungshofs ein. Er begründete dies vor allem auch mit einem Ausgleich für die ausgefallenen Behörden durch die Verlegung der Hauptstadt nach Wiesbaden. Zudem äußerte er die Vermutung, dass sich durch den seinerzeitigen Sitz der Oberrechnungskammer in Darmstadt noch versierte Beamte in Darmstadt oder Umgebung rekrutieren ließen.

Die entsprechende Ausarbeitung wird am 08.04.1946 dem Finanzminister in Form einer Denkschrift übergeben. Neben formalen Bedingungen, dass diese Behörde selbstständig, unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen sei, verwies er konkret darauf, dass die Leitungsebene richterliche Unabhängigkeit haben sollte. Weiterhin regte er an, dass wenigstens die Hälfte der Prüfungsgebietsleiter die Befähigung zum höheren Justiz- oder Verwaltungsdienst haben müssten. Die Prüfungsbeamten und Angestellten sollten in ihrer Besoldung und Amtsbezeichnung „so gestellt werden, dass ihre Stellung für die besten und fachlich Tüchtigsten erstrebenswert ist“. Diese Behörde sollte unter dem Namen „Rechnungshof“ geführt und von einem Präsidenten geleitet werden. Da eine alljährliche vollständige Prüfung nicht realistisch sei, regte er die Errichtung von Rechnungsprüfungsämtern bei den Regierungspräsidien an. Um auch sie mit relativer Unabhängigkeit auszustatten, sollten diese direkt dem Finanzministerium unterstellt werden. Ihr Zweck war, den Rechnungshof von Bagatellarbeiten zu entlasten. Eine Einbeziehung der Gemeinden in das Aufgabenspektrum der Landesfinanzkontrolle empfahl Herr Dr. Boll ausdrücklich nicht. Er begründete dies mit dem zusätzlichen Prüfungsumfang, für den er wenigstens 90 Personen ansetzte, nicht mit dem Selbstverwaltungsrecht der Kommunen. Dem schloss sich Finanzminister Dr. Mattes an.

In der übergebenen Denkschrift machte sich Dr. Boll auch Gedanken über die innere Struktur der Behörde mit ihrem Verwaltungs- und Prüfungsteil. Grundsätzlich hat diese Struktur bis heute überdauert. Seine Ausarbeitung enthielt zudem eine Liste mit Mitarbeitern aus den ehemaligen Finanzkontrollbehörden wie dem Rechnungshof des Deutschen Reiches in Potsdam bzw. den Außenstellen Karlsruhe und Metz (am Kriegsende in Darmstadt-Arheilgen) sowie dem Hessischen Rechnungsamt. In seiner Liste wurde u. a. erwähnt, ob für die Personen die Fragebogen zur Entnazifizierung vorlägen und ob und welche Verquickungen mit der NSDAP und ihren Organisationen bzw. Verbänden aufgelistet sind. Dr. Boll erwähnte, dass nur verhältnismäßig wenige dieser Mitarbeiter für eine Wiederverwendung bei einer obersten Rechnungsprüfungsbehörde in Frage kämen.

Bei den von ihm aufgezählten möglichen Kandidaten galten diejenigen mit einem frühen Eintrittsdatum in die NSDAP grundsätzlich als politisch nicht tragbar. Als „frühes Eintrittsdatum“ galt eine Mitgliedschaft vor dem 01.05.1937. Interessant ist dabei, dass bei vielen als Eintrittsdatum genau der 01.05.1937 genannt wird. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass die NSDAP zum 01.05.1933 eine allgemeine Mitgliedssperre verhängt hatte. Die Aufnahme wurde erst zum 01.05.1937 wieder freigegeben, woraufhin fast zwei Millionen Neueintritte folgten. In einem späteren Tätigkeitsbericht vom 25.01.1947 beschreibt Herr Dr. Boll seine in dieser Denkschrift vorgetragene Sorge um die Auswahl geeigneten Personals: „Die ehemaligen Beamten des aufgelösten Rechnungshofs, die naturgemäß in erster Linie für eine Verwendung am hess. Rechnungshof in Frage gekommen wären und die, als sie von der Errichtung eines hess. Rechnungshofs hörten, sich in großer Zahl bewarben, sind überwiegend politisch derart belastet, dass sie auf Grund des deutschen Gesetzes über die Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus nicht eingestellt werden konnten.“ An gleicher Stelle äußerte Dr. Boll auch die Vermutung, dass viele Wehrmachtsbeamte mit „weißen Fragebogen erstaunliche Karrieren nachweisen konnten“. Gemeint ist der noch heute gebräuchliche Begriff „Persilschein“. Er bezieht sich auf das Reinwaschen durch Falschangaben in den Fragebögen der Entnazifizierungsbehörde.

Die nach einem entsprechenden Vorlauf erforderliche Personenzahl bezifferte Dr. Boll in der Denkschrift auf 35 Beamte, sechs Angestellte und sechs Arbeiter.

In diesem Gespräch vom 08.04.1946 wird mit dem Finanzminister ein Schreiben an die Militärregierung skizziert, mit dem diese die Denkschrift erhalten sollte. Auch sollte sie darauf hingewiesen werden, dass „die Gewinnung von Mitarbeitern, insbesondere von Prüfungsgebietsleitern sehr schwierig sei, da der größte Teil der dafür geeigneten Beamten infolge Ausübung von Zwang Parteigenosse geworden sei. Es sei deshalb unmöglich, die erforderlichen Beamten zu gewinnen, wenn man nur gänzlich unbelastete Beamte in Betracht zöge. Man müsse daher auch auf solche zurückgreifen, die wenig belastet, insbesondere erst spät Parteigenosse geworden sind.“ Die Militärregierung solle um Zustimmung zur Errichtung einer obersten Rechnungsbehörde unter Leitung von Dr. Boll ersucht werden.

Am 18.04.1946 stimmte die Militärregierung der Errichtung dieser Behörde zu. Für das Personal sollten jedoch die gleichen Entnazifizierungsregeln gelten wie für andere Finanzbehörden.

Am 06.05.1946 unterrichtete der Finanzminister Dr. Mattes Herrn Dr. Boll (bei seiner bisherigen Dienstadresse beim Regierungspräsidenten in Darmstadt) über die Entscheidung der Militärregierung.

Schriftverkehr

Dies ist die Geburtsstunde des Rechnungshofs in Hessen. Gleichzeitig bat er um die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes und eines Haushaltsvoranschlages mit Stellenplan.

Mit Schreiben vom 06.06.1946 beauftragte Finanzminister Dr. Mattes formal Dr. Boll mit der Organisation und der einstweiligen Führung des Rechnungshofs. An seiner bisherigen Dienststellung trete keine Änderungen ein. Mit gleichem Datum wurde sein Vorgesetzter, Regierungspräsident Professor Dr. Ludwig Bergsträsser, gebeten, dass Herr Dr. Boll sich ganz der neuen Aufgaben widmen können soll.

Am 13.06.1946 berichtete Dr. Boll mit dem Briefkopf „Der Rechnungshof des Landes Gross-Hessen“ dem Finanzminister über die ersten Mitarbeiter, die alle von der Militärregierung genehmigt seien. Es waren dies für die Leitung eines Prüfungsgebietes Regierungsrat Karl Bornscheuer, für die Leitung der Geschäftsstelle Regierungsinspektor Jakob Muth und die Angestellten Maria Eisenhauer und Else Schönberg für die Geschäftsstelle. Mit Ausnahme von Herrn Bornscheuer waren die übrigen Mitarbeiter ehemalige Kollegen von Dr. Boll. Sie alle sollten nach entsprechender Genehmigung durch das Finanzministerium am 17.06.1946 ihre Tätigkeit aufnehmen; ungeachtet dessen, dass es zu diesem Zeitpunkt noch kein Gesetz über den Rechnungshof gab.

Mit Schreiben vom 02.08.1946 übermittelte Herr Dr. Boll dem Finanzministerium den Entwurf eines Rechnungshofgesetzes mit 49 Paragraphen.

Im Rahmen der Entwurfsberatung zwischen dem Finanzministerium und dem Rechnungshof findet sich nachfolgendes Schreiben aus Wiesbaden:

Schriftverkehr

Inzwischen wurde zum 01.12.1946 die Hessische Verfassung durch Volksabstimmung beschlossen. In ihrem Art. 144 erhält der Rechnungshof seine institutionelle Garantie mit folgendem Wortlaut: „Die Rechnungen über den Haushaltsplan werden vom Rechnungshof geprüft und festgestellt. Die allgemeine Rechnung über den Haushalt jedes Jahres und eine Übersicht der Staatsschulden werden mit den Bemerkungen des Rechnungshofs und der Stellungnahme der Landesregierung zu deren Entlastung dem Landtage vorgelegt.“ An dieser Bestimmung sollte sich erst 2018 etwas ändern.

Im weiteren Verlauf des Verfahrens sollte aus dem umfangreichen „Entwurf für ein Rechnungshofgesetz“ auf Wunsch des Finanzministers ein „Überbrückungsgesetz“ mit dem Titel „Gesetz über die Staatshaushaltsordnung“ mit nur zwei Paragraphen werden. Es sollte im Wesentlichen aus einem Verweis auf die Anwendung des Abschnitts V der Reichshaushaltsordnung bestehen. Begründet wurde dies vom Finanzministerium am 25.03.1947 mit der Dringlichkeit, dass die Arbeit des Rechnungshofs mangels eindeutiger Rechtsgrundlage nicht weiterhin gehemmt würde. Der ursprüngliche ausführliche Gesetzentwurf sei bei der Arbeitsüberlastung des Parlaments in absehbarer Zeit nicht durchzubringen.

Bis dann tatsächlich die „Hessische Staathaushaltsordnung“ verabschiedet wurde, dauerte es noch bis zum 04.07.1949. Aus den historischen Unterlagen ist der Grund hierfür nicht eindeutig festzustellen. Wahrscheinlich waren es eher inhaltlich strategische Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Finanzministerium und dem Rechnungshof. In einem internen Vermerk im Finanzministerium findet sich der bemerkenswerte Satz: „Ich bin mit Rücksicht auf das gute Verhältnis, in dem ich zu Herrn Regierungsdirektor Dr. Boll stehe, an eine Überprüfung des Entwurfs mit warmen Herzen herangetreten, zumal, da ich den Standpunkt vertrete, die Finanzabteilung des MdF und der Rechnungshof müssen sich im Interesse der Staatsfinanzen gegenseitig stützen und nicht bekriegen.

Am Ende umfasste dieses Gesetz 13 Paragraphen. Mit nachfolgenden Modernisierungen liegt es heute als „Gesetz über den Hessischen Rechnungshof“ vor.

Unter den vorgenannten Entwicklungen der Nachkriegszeit begleitet seitdem der Hessische Rechnungshof an wichtiger Stelle die demokratischen Organe des Landes Hessen. Maßgeblichen Einfluss hatte der erste Präsident Dr. Boll, der mit dem Neubeginn den Kurs vorgegeben hat. Insbesondere sein Bemühen um eine optimale Personalauswahl im dem Spannungsfeld zwischen erfahrenen Verwaltungsspezialisten einerseits und deren Bekenntnis zur Demokratie anderseits haben einen Geist hervorgebracht, dem wir heute noch nacheifern können und sollten.

Exemplarisch wird dieses Bestreben an dem Lebenslauf einiger der Führungspersonen der ersten Stunde deutlich.

Dr. Wilhelm Boll

Dr. Boll

Geboren 1897. Jurist. Beim Rechnungshof seit Mai 1946. Rechnungshofpräsident. War Soldat im Ersten Weltkrieg. Kam 1927 als Referent zur Oberrechnungskammer nach Darmstadt, zuletzt als Mitglied der Kammer. Er gehörte verschiedenen Verbänden an, wie der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Rechtswahrerbund und einiger anderer. Aus politischen Gründen, er war niemals NSDAP-Mitglied, wurde er bei der Auflösung der Oberrechnungskammer nicht vom Rechnungshof des Deutschen Reiches übernommen, sondern übernahm bis Kriegsende die Leitung der Landeshauptkasse des Volksstaates Hessen. Danach war er Leiter der Abteilung Finanzen in dem neuen Land GroßHessen. Zu seiner Pensionierung am Ende des Monats Dezember 1962 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Karl Bornscheuer

Karl Bornscheuer

Geboren 1887. Jurist. Beim Rechnungshof seit Juni 1946. Prüfungsgebietsleiter. Soldat im Ersten Weltkrieg. Tätigkeiten in verschiedenen Kreisämtern, zuletzt bis 1945 beim Landratsamt Dieburg. Dort wurde er auf Verlangen der Militärregierung vom Dienst suspendiert, was nach Einspruch wieder rückgängig gemacht wurde. Laut Lebenslauf war Herr Bornscheuer kein Mitglied der NSDAP. In einem Leumundsschreiben an die Spruchkammer wird berichtet, dass er förderndes Mitglied der SS 1934 bis 1937 war. Begründet wird dies mit Schwierigkeiten, die er deshalb bekam, weil er Widerstand gegen die Hissung der Hakenkreuzflagge in Offenbach 1933 leistete. Bei dieser Aktion wurde er von einer Abteilung der SS mit der Schusswaffe bedroht. Die Spruchkammer kam zu der Entscheidung, dass Herr Bornscheuer von dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus „nicht betroffen“ war. Herr Bornscheuer wurde 1953 in den Ruhestand versetzt.

Dr. Rudolf Becker

Dr. Rudolf Becker

Geboren 1886. Jurist. Beim Rechnungshof seit Mai 1948. Prüfungsgebietsleiter. War weder Parteigenosse noch Mitglied anderer Organisationen. Spruchkammerentscheid: „nicht betroffen“. Beamter im Preußischen Finanzministerium, dort u. a. mit Fragen der Währung und der Kreditaufnahme befasst. Um 1928 wurde er zum nebenamtlichen Mitglied der Reichsschuldenverwaltung bestellt. Er war Mitarbeiter des damaligen Preußischen Finanzminister Professor Dr. Johannes Popitz, der als Unterstützer des Attentats vom 20.07.1944 verhaftet und gehängt wurde. Im Rahmen der Auflösung dieser Behörde wurde Dr. Becker in den Wartestand versetzt. Seine Ruhestandsversetzung erfolgte 1952.

Heinz Bayersdorf

Heinz Bayersdorf

Geboren 1915. Verwaltungsprüfung II (gehobener Dienst). Ab Oktober 1946 Prüfer beim Rechnungshof, ab 1971 Prüfungsgebietsleiter. Zunächst begann er nach dem Abitur eine Ausbildung zum gehobenen Justizdienst. Aufgrund der Rassegesetze (nichtarischer Abstammung) wurde er am 16.11.1935 entlassen. Nach verschiedenen Fortbildungen begann er im April 1937 eine Kaufmannsausbildung, die von seinem Wehrdienst im November 1938 unterbrochen wurde. Danach machte er im Zweiten Weltkrieg den Polenfeldzug mit und wurde nach schwerer Verwundung im Juli 1940 als dienstunfähig entlassen. Nach Tätigkeiten in der Fabrikbuchhaltung einer Fima in Offenbach kam er im Juni 1945 zur Stadtverwaltung Offenbach. Laut einer Bescheinigung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hatte Heinz Bayersdorf Wiedergutmachungsansprüche. Er ging 1980 in den Ruhestand.

Hans Faber

Geboren 1905. Abgeschlossene Ausbildung an der Hochschule für Wirtschaftswissenschaften in Mannheim, Anschließend Studium der Rechtswissenschaften. Eintritt in den Rechnungshof August 1946. Tätigkeit zuvor im Reichswirtschaftsministerium, später im Landwirtschaftsamt in Oberschlesien. War seit 01.05.1937 NSDAP-Mitglied. In Ergänzung zu seinen Angaben in dem Fragebogen führt er aus, das er vom Personalchef des Reichwirtschaftsministeriums unter Androhung der Entlassung dazu gedrängt worden sei.

Friedrich Hainebach

Friedrich Hainebach

Geboren 1890. Jurist. Beim Rechnungshof seit Januar 1947. Prüfungsgebietsleiter. Zuvor Tätigkeit innerhalb der Finanzverwaltung, am Schluss Finanzministerium Wiesbaden. Friedrich Hainebach war nach der Diktion der NS-Zeit ein „Mischling zweiten Grades“ (Großvater väterlicherseits jüdischer Abstammung) und hätte somit aus dem Beamtendienst entlassen werden sollen. Mit dem Verweis auf seine dienstlichen Qualitäten und dem Hinweis, dass er „Frontkämpfer“ mit mehrfachen Auszeichnungen während des Ersten Weltkrieges (u. a. Eisernes Kreuz I. und II.) war, konnte seine damalige Dienststelle „Der Oberfinanzpräsident Hessen“ die Entlassung abwenden. Allerdings wurde vom Reichsminister der Finanzen gebeten, ihn möglichst im inneren Dienst zu verwenden. Eine Beförderung Hainebachs kam während der NS-Zeit für „diesen Mann mit jüdischem Bluteinschlag“ nicht in Frage. Später bekommt Herr Hainebach für seine Verdienste als Leiter der Luftschutzwache während und nach der Bombardierung Darmstadts am 11.09.1944 auf Vorschlag des Oberfinanzpräsident Hessen das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern. Auch während seiner Zeit beim Hessischen Rechnungshof erhält er einen weiteren Orden – das Verdienstkreuz I. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Ende März 1956 geht er in den Ruhestand. Danach engagierte er sich u. a. noch als Präses der Dekanatssynode Darmstadt-Stadt und half beim Erlass der Haushalts- und Kassenordnung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Bereits seit 1949 engagierte er sich im Vorstand der Nieder-Ramstädter Heime (Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung).